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Abenteuer Sehen

Zur Eröffnung der Ausstellung im Schloß Wolfsburg

Vielleicht sollte man angesichts der Arbeiten Sasses nicht mehr von Fotografie sprechen.
Man sollte es nicht tun, um das eigene Sehen nicht zu verlieren. Das kann geschehen, ist man sich nicht über die Bedingungen von Fotografie oder Bildern, die nicht Fotografie sind, klar geworden. Die Enge des zur Verfügung stehenden Rahmens dieser Erläuterung verbietet es, Grundsätzliches freizulegen. Daher die brutale Abkürzung:
Ich werde über Jörg Sasses Arbeiten als Bilder schreiben und ich werde, letztlich, von dem schreiben - oder es zumindest versuchen - was diese Bilder als Bilder sind.

Schon die früheren Arbeiten, die vermeintlich Interieurs abbildeten und damit in die Falte des Etiketts "Dokumentarfotografie" rutschten, zeigen eine Entwicklung, die die Abbildung des Gegenstandes zunehmend verläßt, die auch bei den Etikettierern Unsicherheit und Begriffsstolpern hervorruft: Was fange ich mit dem Schrank und den Raumdetails an, mit diesen stark konzentrierten, verdichteten Ausschnitten architektonischer Gegebenheiten beziehungsweise Innenausstattungen, die sich meinen Augen eher als Konstellation von Farben, Flächen und Strukturen zeigen, denn als geschichtlich, stilistisch, anekdotisch zu beladenes Möbel in einem Zimmer? Vollends als Bruch konstatiert wurden dann die neuesten Arbeiten. Schwer zu beschreibende Unschärfen, das Verschwommene auch auf die "Motive" ausgeweitet, die oft angeschnitten, wie ausgeschnitten oder freigestellt wirken, kurz: sich auflösen. Dieser Weg von der sicheren Beherrschbarkeit des Phänomens zur völligen Auflösung dessen, was man noch entfernt mit "Photographie" verbinden mag, ist folgerichtiges Mißverständnis, das, gewendet, folgerichtige Entwicklung der künstlerischen Position Sasses ist. Der vermeintliche Bruch existiert nicht, weil der gemeinsame Nenner klein ist, sondern weil er fundamental ist: es geht um Bilder, um das Bildermachen, um das Sehen und die Abenteuer des Blicks.

Vergessen Sie alles, was Sie über Fotografie gehört haben. Lassen Sie sich auf die Behauptung ein: hier geht es nicht um das Abbilden von Wirklichkeit. Versuchen Sie die Wirklichkeit des Bildes zu denken. Sie ist gehalten innerhalb des Gevierts des Abzugs. Dort finden Sie sie. Sicher werden Sie einwenden, mit der Kamera sei auf Wirklichkeit gehalten worden. Daß stimmt. Dann wurde abgedrückt. Lassen Sie sich darauf ein: mit Hilfe des Objektivs und dessen Blick wird die Wirklichkeit zu etwas anderem. Denken Sie zunächst einmal an die Wahl des Ausschnitts. Bedenken Sie zunächst einmal, was dieses Wort alles sagt: Ausschnitt: Ausschneiden aus der Wirklichkeit, Abschneiden der Bezüge zur Wirklichkeit, Herausheben aus ursprünglichem Kontext, Isolieren vom Zusammenhang, Auf-sich-gestellt-Sein des Ausgeschnittenen, aber auch Abgrenzung, Begrenzung, Bereitung neuer Konstellationen, Terrain, hier auch: Bildterrain. Sie sehen: Wirklichkeit ist gewandelt und zu etwas anderem geworden. Denken Sie noch einmal zurück an das Geviert des Abzugs: was sich darin zeigt, ist abgezogen von der Wirklichkeit. Das, was von ihr abgezogen wurde, ist primär Material geworden, aus dem die Bilder gebaut sind. Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum ich Sie bat, über das Vergessen der allgemeinen Verknüpfung Photo=Wirklichkeit im Denken, das Sehen zu retten. Hinüberzuretten in die Wirklichkeit des Bildes, wo das Abenteuer Sehen beginnt. Wurden die älteren Arbeiten noch mittels traditioneller Verfahren der Fotografie hergestellt: Kamera, Objektiv, Beleuchtung, Motiv, so ist die Veränderung des scheinbar Bekannten, die Wandlung, von der ich sprach, mit den neueren Arbeiten folgerichtig weitergeführt: Sasse selbst hat seine Kamera in den Schrank gestellt. Er bedient sich nun Fotos aus privater Hand, er durchforscht die geknipste Wirklichkeit aus den Familienalben und bearbeitet sie, woraufhin Bilder entstehen.

Das Computerprogramm läßt es zu, die eingescanten Erinnerungen aus dem Dunst ihrer Privatheit herauszulösen, beliebige, oft winzige Ausschnitte auszuwählen, herauszuheben, Bildgegenstände zu verschieben, Farben zu verändern, Kontraste, Konturen zu steigern oder zu verwischen, Hell und Dunkel neu zu setzen, kurz: sämtliche (Bild-)Daten der Vorlage verfügbar zu machen, als Material zu etwas völlig anderen bereitzustellen. Lassen Sie sich nicht durch Ihr Wissen um das "neue Medium" Computer verführen, lassen Sie sich nicht durch wie immer progressive Vorurteile den Blick verschließen: das ist nicht Cyberspace, das ist traditionelles Handwerk Bilder, Kunst wenn sie so wollen, zu machen. Und es entsteht etwas, was schon immer die Macht der Bilder war: eine Wirklichkeit zu generieren und damit das Potential, Wahrnehmungen bereitzustellen, die nirgends in der Wirklichkeit (außerhalb der Bilder) gefunden und erfahren werden können. Statt Pinsel und Farben heißt das Material Pixel, jene kleinste Einheit, die der Computer-Bildpunkt ist. Die Maschine stellt nur das andere Material und Verfahren, die Hand und die Augen Sasses machen die Bilder. Und jetzt sehen Sie die Reichweite des Gedankens, die Ihnen die Loslösung vom vermeintlich Wirklichen der Fotografie, vom Rest Wirklichkeit, eröffnet: Sie erkennen die Gegenstände wieder und sie sind Ihnen fremd. Diese neuen Bilder erzählen nicht Geschichten, sie laden ein, Geschichten zu erzählen. Sie werden bemerken, daß Sie selbst es sind, die, im Versuch Geschichten zu lesen, Geschichten zu erzählen, über das zu Sehende die Wirklichkeit der Bilder generieren. Und: gehen Sie nahe heran, begeben Sie sich in den Zauberwald, und Sie werden nicht mehr wissen, daß Sie im Wald stehen: Sie sehen das Verschwinden des Bildes, Sie sehen die Matrix des Bildes.
Sie werden bemerken: Sie selbst sind Akteure im Abenteuer des Wahrnehmens; das ist das Sehen.

Thomas A. Lange, 1996