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Fotografische Stellenbearbeitung

Erschienen in 'Blitz Review' zur Ausstellung in der Galerie Wilma Tolksdorf, Hamburg, 4-6/95

Während man in den Hamburger Deichtorhallen nochmals den "postmodernen" Spielen einer Cindy Sherman folgen kann und das stets mit einem Grinsen gezeichnete Publikum angesichts so vieler, geballter Komik (die schlimmsten Bilder sind die, wo Sherman eine Grimasse aufsetzt) belustigt die Hallen durchschreitet, ist einige Straßen weiter, bei Wilma Tolksdorf, eher intim, die neueste Arbeit von Jörg Sasse zu sehen.
War man bisher gewohnt durch die Interieursichten des Düsseldorfers unmittelbar in die Stilblüten deutscher Wohnzimmerkultur katapultiert zu werden, und dabei, wie Sabine B. Vogel es einmal nannte, eine "Dokumentation der Inszenierung" anzutreffen, ist nun dieses stringente Konzept passe.
Frei flottieren die Bilder durch den schneeweißen Galerieraum. Unter einer wohligen Unschärfe gehalten, benebelt ein knallrotes Hemd vor einer Propellermaschine die Sinne mit einem Hauch von Jugendlichkeit, parallel brüstet sich ein kleines Haus mit seinem rotem Dach vor dem Betrachter. Außerhalb kontextueller Begriffsstützen wirkt hier alles eher kabinettartig irritierend. Da wo man sich erlauben könnte, eine Geschichte zu schreiben, wird man getäuscht. Genau jene Stellen, die man braucht, sind bearbeitet, wie etwa bei einer Frau, die vor einem Bergpanorama in die Weite schaut, aber kein erkennbares Gesicht mehr besitzt. Durch das Fehlen dieser "Bezugspunkte" sind die Bilder seltsam weit weg, hantieren und spekulieren andererseits vordergründig mit unserem Wunsch nach Erklärungen. Da prahlt dann von hinten eine farbige Fläche oder entziehen sich die Elemente, ohne offensichtlich manipuliert zu wirken. Alles, was wir von einer Fotografie erwarten, wird hier angesprochen aber nicht erfüllt. Wohin hier etwas geht, warum dort jemand steht, ist mit einem befremdlichen BILDCHARAKTER ausgezeichnet, so daß selbst das Bild mit dem rotem Dach auf den zweiten Blick zu eigenartigen Spekulationen verführt.
Bei soviel Taumel stört aber auch kein tristes Bildverwertungskonzept dieses ästhetische Zwiegespräch. Nichts wäre schnöder, als hier den Bildern die metadiskursive Formel einer Appropriation aufzusetzen. Auch daß Sasse hier erstmalig mit dem Computer manipuliert hat, sollte uns nicht nötigen, den Medienkunstsarg zu öffnen. Wenn man wie hier zwischen einem "Mulmig gereizten Grundgefühl beim Augenschließen" (Kristof Schreuf) und einem beschwingtem Horror wählen kann, müssen alle konzeptionellen Fragen zugunsten einer ästhetischen Autonomie weichen.

Matthias Lange, 1995