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Malerei und Fotografie in den Arbeiten Jörg Sasses

Katalogbeitrag zu 'Malerei ohne Malerei' Museum der bildenden Künste, Leipzig

Ein Stück 'Wirklichkeit' oder 'Außen' haftet allen Fotos an und zwingt ihre Erzeuger wie auch ihre Betrachter in eine gewisse Distanz. Genau diese Entfernung entzieht sie der Kontrolle und unterscheidet sie von Bildern, wie sie die Malerei hervorzubringen vermag. Die Arbeiten Sasses sind keine Fotografien. Ihnen haftet dennoch etwas von Fotografien an und sie bestimmen ihre Entstehung mit. Schnappschüsse werden mittels digitaler Bildbearbeitung in ein anderes Medium überführt und mit diesem gelingt die Verwandlung in 'Malerei'. Dabei geht die Kontrolle über das entstehende Bild wieder an die Hand zurück. Analog zur Hand des Malers, die den Pinsel führt, führt sie nun die Maus. Ihre Herstellung verdanken sie einer Umkehrbewegung: statt eine weiße Leinwand zu füllen, wird ein aus fremdem Kontext entnommenes Foto durch Wegnahme und Veränderung des Vorhandenen in ein Bild verwandelt. Das als 'Wirklichkeit' Festgehaltene des Fotos wird zum Material, aus dem die Wirklichkeit des Bildes entsteht.

Das Ergebnis ist den Bildern, die Malerei erzeugen kann, nahe. Dennoch ist es nicht Malerei mit anderen Mitteln. Es hat sich etwas von dem eingeschlichen, was das Foto von allen anderen Bildmedien unterscheidet und sich auch in seinen Derivaten Film, Fernsehen, Video und Internet erhalten hat. Es sind kontrollierte Bilder, denen das Herausfallen aus der Kontrolle anzusehen ist. Damit haben diese Bilder die Tendenz, 'Wirklichkeit' zu transportieren: als das Unvorhersehbare, Zufällige, das sich manchmal spät erst und überraschend äußert. Beim Foto nehmen immer zwei wahr. Der Fotograf, der bemüht ist den Ausschnitt und damit das Bild zu kontrollieren, und die gleichgültige Mechanik der ablichtenden Kamera, durch die sich ein Stück Unkontrolliertes auf das Bild zeichnet. Nicht nur die Amateurfotografien zeigen Dinge, die unbemerkt im breiten Strom des Wahrgenommenen mitschwimmen. Nach Benjamin erfahren wir durch sie vom Optisch-Unbewußten. Es ist klar, was das ist: ein unkontrolliert Wahrgenommenes, das im Foto zu einem Wahrgenommen wird, das sich unserer ordnenden Kontrolle entzieht. Daher kann es neugierig machen, befremden, beunruhigen, überraschen.

Mit Sasses medialen Transformationen wird aus dem Multiplen und Wiederholbaren, das dem Amateurfoto eignet, das Unwiederholbare, Einzigartige, das ein Bild definiert wie es die Malerei anstrebt. Doch ist die Umkehrung tiefer, denn sie verwandelt das vermeindlich als 'wirklich' festgehaltene und sich als utopische Konvention entpuppende 'Augenblicksbild' zum Einblick in die verstellte 'Wirklichkeit' unserer Zeit, in die Unzugänglichkeit von 'Wirklichkeit'. Das kennzeichnet auch die Umkehrung oder wechselseitige Durchdringung von Malerei und Fotografie in Sasses Arbeit am Bild. Der festgehaltene Augenblick wird zum dauernd Flüchtigen gewandelt. Um das zu zeigen, bedarf es der Schönheit. Es ist die Glätte der bildnerischen Lösung, die uns verführt, diese Bilder zu genießen, die aber darum nicht davor bewahrt, das Verschwinden des 'Wirklichen' als deren eigentliches Thema zu bemerken. Es sind dies aufdeckende Kräfte, die seine Bilder denen der Fotografie ähnlich machen. Doch ist die Art des Aufdeckens verschieden. Die Malerei deckt auf, um ein Ganzes oder die Totalität zu zeigen, die Fotografie deckt auf, um mit der Herauslösung aus der Totalität der Dissoziation ansichtig zu werden. Die wechselseitige Durchdringung der Medien gibt Einblicke in unser Verhältnis zur Welt. Dabei zeigt sich in Sasses Arbeiten die Aporie des fotografischen Bildes mit den Mitteln der Malerei als Aporie unseres Verhältnisses zur 'Wirklichkeit', die wir seit langem schon vor allem durch Bilder wahrnehmen.

Thomas A. Lange, 2002





Unredigierte Fassung des Textes aus dem Ausstellungskatalog 'Malerei ohne Malerei' Museum der bildenden Künste, Leipzig