[ Startseite ]
[ Texte ]

Wird es Sie erfassen?

Vorwort im Katalog zur Ausstellung im Kölnischen Kunstverein und der Kunsthalle Zürich

Daß unsere Welt "hypermodern" wurde, ist zu einem großen Teil dem Umstand zu verdanken, daß wir zunehmend über beliebig viele Bilder in beliebig kurzer Zeit verfügen können. Dieser Entwicklung mußte aber erst die Erfindung der Fotografie und deren technische Reproduzierbarkeit vorausgehen. Aber erst die weitere, in allen ihren Facetten noch gar nicht absehbare geistesgeschichtliche Entwicklung führte dann geradewegs in das neue Zeitalter: Die Welt wurde von uns als ein Sortiment potentieller fotografischer Aufnahmen begriffen.

5502, 1996 (106 x 160 cm)Susan Sontag erinnert sich in ihrem berühmten Essay "Über Fotografie" an Jean-Luc Godards Film "Les Carabiniers" von 1963, in dem zwei arme Bauerntölpel mit dem Versprechen in die Armee gelockt werden, sie könnten plündern, schänden, töten, dem Feind alles antun, was sie wollten, und dabei reich werden. Aber der Koffer voller Kriegsbeute, den die beiden Protagonisten Michelangelo und Odysseus Jahre später triumphierend nach Hause bringen, enthält nichts weiter als Hunderte von Ansichtskarten, die Denkmäler, Warenhäuser, Säugetiere, Naturwunder, Transportmittel, Kunstwerke und anderes Sehenswertes aus aller Herrenländer zeigen. Nicht auszudenken, welch reichere Beute die beiden gemacht hätten, in welchen Bilderrausch sie verfallen wären, wenn sie schon den Zugang zu einem Computer gehabt hätten.

Als Timothy Leary 1966 sein Credo Turn on, tune in, drop out (Schalte Dich ein, mach mit, steig aus) verkündete, wurde er zur Leitfigur der amerikanischen Subkultur. Doch während er sich damals noch von psychedelischen Drogen die Überwindung der konventionellen sinnlichen Wahrnehmung versprach, bevorzugte er bis über seinen Tod hinaus ein anderes Hilfsmittel: den Computer.

"Das Bild aus dem Computer", so kommentierte Frieder Nake, der als einer der ersten in den sechziger Jahren computeranimierte Bilder mit Kunstanspruch erzeugte, "hat Konjunktur. ... Wir lernen die neue Bilderwelt des schwebenden Irrealismus kennen. Alles sieht aus wie aus Metall oder Kunststoff. Selbst Erdbeeren, Straßenbeläge, Sofas und nackte Busen schimmern metallen. ... Die Welt des irrealen Rausches verlangt rasch nach mehr."

Die aktuelle Springer & Jacoby-Kampagne zur Mercedes-E-Klasse zeigte dem Medienmagazin Pakt in beispielhafter Weise, "was passiert, wenn digitale Retuscheure betrunken ihr Photoshop-Programm einsetzen bzw. sich einen Spaß machen und mit dem Tampon so richtig ausflippen. Der Kombi von Mercedes hat jetzt jedenfalls - so die Anzeige im Spiegel - keine Motorhaube mehr, die sogenannte Sieke zwischen Haube und Kotflügel ist bombendicht zu!"

Der Rausch am Irrealen oder Künstlichen gedeiht also. Und bekanntlich ist Schein nicht gleich Sein. Das gilt neben dem Bild-von-Etwas längst auch schon für die Wirklichkeit selbst, also auch für eine Erdbeere. Sie kann noch so schön purpurrot sein und trotzdem wässerig schmecken: Gut in Form gebracht, aber mäßig im Geschmack! Das mußten auch die Besucher feststellen, die sich zu einem Geschmackstest zur "Wahl der Erdbeere des Jahres 1996" in Köln versammelt hatten. Die wachsende Faszination an der Überschreitung des Realen, ursprünglich schon immer künstlerischen Konstruktionen zugrunde liegend, verändert die Ordnung unserer sinnlichen Wahrnehmungswelt. Man mag das einerseits mit Sorge beobachten, weil die Gefahr besteht, immer perfekteren Täuschungen anheimzufallen. Andererseits besteht aber auch die Chance, frei mit der phänomenalen Welt der Erscheinungen zu spielen und so neue "Welten" zu erfinden, die in sich vielleicht schlüssiger sind als bisher bekannte.

Aber was macht eigentlich Jörg Sasse? So fragte sich noch vor kurzem ein trendbewußtes Magazin. Nun ist es raus: Jörg Sasse verließ die fotografierten alltäglichen Interieurs und machte scheinbar etwas ganz anderes. Da verschwindet beispielsweise ein Junge im karierten Hemd geheimnisvoll in einem Gebüsch. Da entlarvt sich ein augenscheinlich getreues Abbild einer märchenhaften Waldlandschaft erst beim näheren Hinsehen als eine Anhäufung unendlich vieler farbiger Pinseltupfer, die uns an der Fotografie zweifeln läßt. Oder ein auf einem Hügel gelegenes Haus wird von einem signalroten Dach aufdringlich erleuchtet und lenkt unseren Blick von einem weiteren entscheidenden Detail zunächst ab. Oder eine während eines Sommerurlaubs in den Bergen offensichtlich in amateurhafter Fotografielaune in Pose gestellte Frau im Dirndl entpuppt sich erst beim Herannahen an das Motiv als ein durch und durch manipuliertes Wesen.

Die jüngsten Arbeiten von Jörg Sasse führen die Fotografie als das vor, was sie streng genommen, eigentlich immer schon war: Als Täuschung. Seine Arbeiten spiegeln nur noch auf den ersten, flüchtigen Blick hin ein analoges Abbild der Wirklichkeit wieder. Und es war auch immer schon so, daß bei der Entscheidung, wie eine Fotografie als Bild wirken sollte, die Fotografen ihrem zu fotografierenden Gegenstand - etwa durch die Wahl des Ausschnitts oder durch die Bevorzugung einer von mehreren Aufnahmen - bestimmte subjektive Maßstäbe aufzwangen. Auch wenn es in gewisser Weise zutrifft, daß die Kamera Realität einfängt und nicht nur interpretiert, sind Fotografien doch genauso eine Interpretation der Welt wie traditionellerweise Gemälde und Zeichnungen. Wie in diesen spielt eben auch in den technischen Bildern die Täuschung eine wesentliche Funktion - ihre "Objektivität" ist nur scheinbar. Schließlich war es wohl auch diese Qualität, die letztlich die professionelle Fotografie als ernsthafte Kunst qualifizierte - freilich immer noch im Gegensatz zur Massenkultur der Amateurfotografie. Daß Jörg Sasse in seinen jüngsten Arbeiten nicht mehr selbst zum Fotoapparat greift, weil dieser für ihn auf dem Weg zur Herstellung technischer Bilder wohl eher den Status eines "historischen" Prototyps besitzt, und statt dessen sich lieber Amateurfotos bedient, also an eigentlich "nicht-ernsthafter" Fotografie, sei hier nur einmal am Rande erwähnt. Ihrer vormaligen Privatheit entraubt, avancieren sie jetzt durch eine künstlerische Geste zu einem Werk der Kunst.

Bilder sind stets Vermittlungen zwischen der Welt und dem Menschen. Und die Bedeutung der Bilder - wollen sie denn gelungen sein - ist magisch und mysteriös. Daher ist es falsch, in Bildern - also auch in Fotografien - so etwas wie "gefrorene Ereignisse" sehen zu wollen. Tatsache ist, daß sie Ereignisse in neue Sachverhalte übersetzen und sie in Szene setzen. Denn ist es nicht so, daß wir von Bildern nicht nur eine Bestätigung dessen erwarten, was wir schon wissen, sondern einen Mehrwert, daß sie sich sozusagen im Fluß befinden, daß sie schlußendlich sogar Imaginationen auslösen? Und wenn sich langsam, aber doch stetig unser Sinn für das "Mögliche des Realen" erweitert, weil unser Denken und Fühlen vorrangig durch modernste Medien-Bilder in eine bisher unbekannte geistesgeschichtliche Dimension wächst, dann verändert sich auch das Realitätsprinzip, und auf einmal könnte alles unserer "weiterentwickelten" Realitätsprüfung standhalten.

Aber das ist dann doch noch eine etwas andere Geschichte, als die, die Jörg Sasse einmal zu bedenken gab: "Wenn ich durch eine fotografische Abbildung eines Getränkes Durst bekomme, dann kann ich die Erfahrung machen, daß zwar mein Durst wirklich ist, nicht aber das Getränk. Angenommen das, was sich darstellt, wird von mir als Bier erkannt und erzeugt auch den Wunsch nach einem Bier, ist dies kein Garant dafür, daß vor der Kamera, die das fotografische Abbild erzeugte, jemals wirklich Bier gestanden hat. Es muß etwas gewesen sein, was am ehesten meiner visuellen Vorstellung von Bier entspricht. Das kann beispielsweise Tee mit Eischnee besser, als ein frisch Gezapftes, das viel zu schnell im warmen Studio vor der Kamera aufhört, frisch gezapft auszusehen." Dieses Beispiel zeigt: Wenn man einen Menschen täuschen will, braucht man ihm - wie es schon der antike Maler Parrhasios tat - nur das Bild eines Vorhangs vor Augen zu halten, das heißt das Bild von etwas, jenseits dessen er zu sehen verlangt. Und nur die Bilder, die einen inneren Prozeß implizieren, verfügen über ihre sprichwörtliche Macht und zeigen Wirkung.

Jörg Sasses Bilder, die ursprünglich auf amateurhaften Fotografien gründen, wirken zunächst harmlos, um dann - sozusagen erst beim "denkenden" Sehen - ihre starke Suggestionskraft zu entfalten. Seine Bilder, deren fotografischen Vorlagen entwendet, konfisziert, über- und angeeignet, vielleicht sogar gestohlen wurden, repräsentieren jetzt eine völlig andere Sicht auf das Bild. Sie sind nicht wie Doubles, sie wiederholen nicht ihr Ausgangsmaterial, sie verkörpern ein neues Bild - sie sind das Original! Denn "nicht das Was ist dort abgebildet mit dem Verweis auf Wirklichkeit macht eine Fotografie autonom, sondern das Wie ist etwas abgebildet," sagt Jörg Sasse. Und "die Frage nach dem Wie", so Sasse weiter, "stellt nicht nur die Fragen nach den Bedingungen des Mediums, sondern auch nach der Wahl des Mediums selbst."

Sasse benutzt für seine Bild(er)findungen im Zeitalter computermanipulierter Bilder - selbstverständlich! - technisierte Bildbearbeitungsprogramme. Das seine Bilder so sind, wie sie sind, ist dabei keineswegs so sehr - wie mancher glauben könnte - dem Computer zu verdanken, sondern vielmehr erarbeitet der Künstler die Bilder in seinem Kopf, um sie dann, wie ein Maler, mit dem digitalen Pinsel auf die Fläche zu bringen. Hier reagiert nichts, es agiert allein der Bildermacher, der sich (s)ein Bild von der Welt entwirft. Daß es Jörg Sasse bei der Bearbeitung seiner Bilder weniger um diese in ihrer Funktion als Bedeutungsträger geht, sondern vielmehr um deren Beschaffenheit auf der Fläche, ist eine Sache. Eine andere Sache ist es, ob es sich hierbei tatsächlich noch um Fotografie im klassischen Sinne handelt. Die Suche nach einer Antwort würde weiter in begriffliche Felder der Theorie führen, und deren Farbe ist bekanntlich Grau. Schwarzweißfotos beweisen dies im übrigen: Ihr Mischungsverhältnis ergibt die Farbe Grau, denn sie sind Bilder von Begriffen der optischen Theorie, das heißt, sie sind aus dieser Theorie entstanden. Und bleibt auch die eine Frage vorerst unbeantwortet, so können wir über die Bilder von Jörg Sasse mit Bestimmtheit sagen: Daß sie uns geradezu zwingen, gründlicher zu erkunden, was Bilder sind, woraus sie bestehen, wie sie funktionieren und was sie mitteilen, daß sie Geschichten erzählen, die uns in das Dargestellte verwickeln können, daß sich ein Bild aus unendlich vielen Bildern zusammenfügt und daß die Welt immer noch farbig ist.

Udo Kittelmann, 1996