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Allegorien des blinden Flecks

Katalogbeitrag zur Arbeit von Jörg Sasse bei der Ausstellung 'Unschärferelationen' im Freiburger Kunstverein

Zu den neueren Bildern von Jörg Sasse

Jörg Sasses Bilder der letzten Jahre sind digital, das heißt am Rechner veränderte Fotografien; vorgefundene, fremde Fotografien, Aufnahmen von Amateuren. Als bildbearbeitete Dokumente bestehen sie aus Millionen von 'diskreten' Elementen, Pixel, zwischen denen sich jeweils ein Nichts befindet. Allein ihre alles überwältigende Gesamtkodierung scheint ein kontinuierliches Bild - wie es der Malerei und selbst der traditionellen Fotografie (obwohl diese technisch sogar viel gröber arbeitet) selbstverständlich ist - zu erzeugen. In Wahrheit gehen diese 'Abgründe' aber sehr viel weiter. Als im engeren Sinne stets 'kalkulierte' Bilder findet man in ihnen, daß sie aus dieser Unzahl von blinden Flecken zusammengehalten werden. Genau dies geht in den Arbeiten von Jörg Sasse vom Pixel bis in die gesamte Komposition des Bildes ein - und unterscheidet sich damit grundlegend von anderen digital bearbeiteten Bildern.
8626, 1999 (102 x 160 cm)Die Hervorhebung beispielsweise des rot-weißen Hauses (8626, 1999) durch seinen farblichen Kontrast gegenüber der mattgrünen Landschaft, nimmt dem banalen Motiv jede Selbstverständlichkeit und muß jeden Betrachter zu eigenen Überlegungen darüber auffordern. Denn nunmehr scheint das lichte Haus nicht mehr dem gewohnten Tag zuzugehören; Zweige, Bäume werden in ihren Größenverhältnissen unklar, die Landschaft wird unwirklich. Eben weil vielleicht das Haus auch an so präziser Stelle 'gesetzt' wurde (exakt unterhalb der Bildmitte, die linke Seite markiert den goldenen Schnitt der Bildbreite). Das Haus ist plötzlich nur Teil einer 'Gesamthervorhebung' des Bildes bei der die spezielle Montierung hilft das Bild wie in einem selbstentzündeten Leuchtkasten schillern zu lassen.
In gewisser Weise stehen digital bearbeitete Bilder jenseits von Malerei und Fotografie. Sie verfügen über Möglichkeiten von beiden Medien, ohne das eine Festlegung nötig erscheint. Bildbearbeitungen wie sie Jörg Sasse vornimmt sind aber ihrer Disposition nach immer auch Montagen - und als solchen wohnt ihnen ein latent ein allegorischer Charakter inne. Nicht nämlich die Aussagekraft und die Bedeutung des Motivs spielen die bildführende Rolle, sondern das Bild als Ganzes erhält sich permanent eine neue Dimension: es erzeugt errechnete 'Unsichtbarkeiten'.
In der Hecke (4140, 1999) überraschen der aquädukthafte Schnitt der Hecke und die symmetrisch verteilten Kuben darüber. 4140, 1999 (86 x 250 cm)Ihre Funktion bleibt offen, zumal sie ihrer Stellung nach eigentlich noch im jeweiligen Bogenausschnitt unten zu sehen sein müßten. Ebenso liegen (rechts) sehr kleine Heckenfragmente in einiger Entfernung optisch auf der Kante der Hecke. In strenger Bildparallele erstreckt sich im Hintergrund eine Allee und ein kleiner rötlich schimmernder Höhenzug. Legte man ein Liniensystem über diesen Landschaftsausschnitt, man würde gewahr, das die Stellung der Hecke, der Kuben, die Höhe des Waldes einem strengen Kompositionssystem unterworfen wurde. Nichts ist mehr zufällig, so daß der Betrachter an den vertrackten Gegenständen, die so einfach auf dem Bild erscheinen, seine Gewißheiten verlieren und im Bild selbst die Unsichtbarkeit von Wirklichkeit erfährt.
Auf dem Bild mit den Lampen am Meer (8144, 1998) fallen zunächst die hohen, leuchtenden Laternen bei Tageslicht auf. Überdies strahlen diese Lampen nur intensiv in ihren Glaskugeln und nicht auf den Weg, was ihnen - wie beim Haus im Grünen - eine magische Ausstrahlung gibt. Aber die Situation vor der Düne wird zunehmend 'verrückter' nimmt man die Stellung der Lampen wahr. An dem vorgeschobenen Übergang des Platzes sollten wohl drei Lampen jeweils parallel angeordnet sein, jedoch springt die vordere rechte förmlich aus Reihe und durchbricht diese Ordnung. Dagegen ist ein zusätzlicher vierter Laternenpfahl in den unmittelbaren Vordergrund gerückt - und nimmt damit optisch die vordere Reihung auf.
Die auf den ersten Blick klare Situation spaltet bei näherem Hinsehen den Blick des Betrachters förmlich auf. Die linke Lampenreihe liegt beinahe auf einer Linie hintereinander gestaffelt, während die rechte Reihe die Perspektive weit öffnet. Dieser Effekt wird als durchaus natürlich wahrgenommen - obwohl oder gerade weil ihre Stellung nicht korrekt ist. Sasse läßt aber die Pfähle nicht willkürlich springen, denn die Höhe jeder Lampe entspricht zum Beispiel exakt der Höhe ihres gegenüberliegenden Pendants. 8144, 1999 (106 x 150 cm)Divergente Ordnungen, die es unter fotografischen perspektivischen Bedingungen gar nicht geben könnte. Darüber hinaus erzeugt der Pfahl und die äußerste Lampe rechts eine umgekehrte Tiefenstaffelung im Raum: nicht von rechts nach links, sondern von links nach rechts. Einen solchen Raum gibt es nicht und dennoch wird er hier als natürlich empfunden. Er wird aus 'Löchern' und Verschiebungen erzeugt, die gerade dort, wo sie am unwahrscheinlichsten sind, eine scheinbar harmonische Ordnung erzeugen: So stimmen die Fluchtlinien des Platzes und der rechten Lampenreihe völlig überein (der Fluchtpunkt liegt exakt auf der Horizontlinie neben den linken Lampen), eben weil die rechte Lampe überdeutlich verrückt wurde.
War dem Geflecht der Pixel eine abgründige Verbundenheit zugeschrieben worden, der 'Montage' der Bildbearbeitung ein allegorischer Sinn im Hinblick auf das Bildganze (abseits vom Sujet), so verdeutlicht das nähere Hinsehen des Gesamtbildes, wie sich aus dem selbstverständlichen Motiv eine Reihe von Verstrickungen von Raum und Gegenstand, Welt und Wirklichkeit ergibt. Gerade weil Details irreal betont werden, ist das gesamte Bild, das aus dem geläufigen Alltag der Amateurfotografie entrissen wurde, gefragt. Insofern kann man davon sprechen, daß Sasse die Gegenstände auf eine bestimmte Art 'verschwinden' läßt. Denn was man noch zu erkennen vermag (Haus? Lampe?) entzieht sich schon im Akt des Benennens dem geläufigen Wissen. Das meint Allegorie in diesem Fall, wenn daraufhin das Bild seine wirkliche Unwirklichkeit in eine Offenheit des Sehens am Bilde überführt.
Fotografie, die einmal die Malerei verlassen hatte, findet in ihrer digitalen Bearbeitung zu einem Bild zurück, für das die Gegenwart noch kein Wort besitzt. Das ist magisch und vernünftig zugleich - und nur dies war hier ins Auge zu fassen.

Andreas Kreul, 1999