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In der Schwebe

Publiziert im Katalog zur Ausstellung im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris

Amateurfotografien haben einen sentimentalen, sehr persönlichen Wert und sind Gedächtnisstützen, helfen Erinnerung in Bewegung zu setzen, sie aufzufrischen. Sie versetzen den Fotografen in eine vermeintlich authentische, meist schöne und farbige Vergangenheit zurück, sind Zeugen der Flüchtigkeit und Zeitlichkeit des eigenen Lebens und zugleich Ausdruck der Sehnsucht nach Dauer und Kontinuität. Manifestationen eines ästhetischen Formwillens hingegen sind sie meistens nicht. 8087, 1995 (86 x 128 cm)Im Zentrum amateurfotografischer Bildwelten stehen Personen, Landschaften, Blumen und Objekte, zu denen sich der Knipser hingezogen fühlt. Jörg Sasse sammelt seit Jahren solche Aufnahmen von Freunden, Bekannten und Unbekannten und verwendet sie seit 1994 für seine eigene künstlerische Produktion. Er ist jedoch kein Spurensicherer, der am privat-sentimentalen Erinnerungspotential oder am dokumentarischen Wert der Bilder interessiert ist. Auch den im Sucher der Kamera fokussierten Mittelpunkt ignoriert er. Er nimmt ins Blickfeld, was dem Knipser beim Aufnehmen entgangen ist, was sich wie durch Zufall ins Bild eingeschlichen hat und macht die "Schlacke" der Fotografie zur Hauptsache seiner Bildsprache.

Hinter-, Mittel- und Vordergrund: fahler Himmel, leicht gekräuseltes Meer und sonnendurchfluteter Sandstrand, der die Hälfte des Bildes einnimmt; vier gestreifte Strandkörbe, einer tanzt keck aus der Reihe, ein anderer in der Mitte des Bildes fixiert den Betrachter auf zentralperspektivisches Sehen - eine klare Komposition in Blau-, Rot- und Gelb-Tönen mit horizontalen und diagonalen Bildachsen; ein ausgewogenes, aber altmodisch anmutendes, etwas spannungsloses Bild, das atmosphärisch an Fotografien von Henri Lartigue oder an ein Standbild aus einem Visconti-Film denken läßt, auch auf die Malerei der Impressionisten zurückverweist. In der Flut unserer Bilderwelt würde es untergehen, wäre da nicht eine gewisse Widerständigkeit in der bildnerischen Qualität, die einen nochmals hinschauen, verweilen läßt. Man will wissen, was es mit diesem Bild auf sich hat, wie es entstanden ist. Jörg Sasse scannt sein fotografisches Rohmaterial in den Computer und generiert ein Bild, das dann wieder über einen Negativfilm auf Fotopapier gebracht wird: Er schneidet aus, vergrößert, verkleinert, versetzt Motive und läßt sie gar verschwinden, rückt Linien zurecht, spielt mit den Millionen von Farbnuancen des Computerspektrums, räumt so lange auf, bis er "sein" Bild gefunden hat, bis "das Bild als Bild funktioniert", wie er sagt. Seine Arbeitsweise gleicht im Reduzieren der des Bildhauers, im Manipulieren und Retouchieren der des Fotografen, im Farbmischen der des Malers, doch seine Werkzeuge sind nicht Meissel, Kamera oder Pinsel, sondern Maus und Monitor, die ihm andere künstlerische Möglichkeiten eröffnen. Ein lockerer oder dichter "geknüpftes" Pixelnetzt überzieht die Bildoberfläche und macht sie ungleichmäßig durchlässig und kompakt, läßt Formen und Motive scharf und unscharf, Farben kräftig und flau erscheinen, so daß man meint, das Bild sei gerade im Entstehen oder in der Auflösung begriffen.

Im ausgewogenen Strandbild sind es ein dunkler Fleck in der oberen rechten Ecke, ein Vogel, (den Sasse aus einem Schwarm zusammengezogen und verrückt hat) und ein Mann am linken Rand, (den er aus einer Gruppe Menschen übrig gelassen hat) die interessieren. Mann und Vogel, beide unterschiedlich unscharf, beide an der Peripherie des Bildes - auftauchend oder verschwindend? Die drei in einer Diagonale stehenden Strandkörbe, die einen sicheren Platz im Bild einnehmen, scheinen sie umschließen, festhalten zu wollen, um dem Bild und dem wandernden Blick des Betrachters eine gewisse Stabilität zu geben. Gleichzeitig führt die horizontale Blicklinie Mann und Vogel in entgegengesetzter Richtung aus dem Bild hinaus, und der Blick wandert mit ihnen und dem Künstler mit, aus dem Bild hinaus in eine Digitalwelt, in der neue Bilder generiert werden. Diese beiden Motive machen die Offenheit, die Unabgeschlossenheit des Bildes aus. Wie in einer Fotografie repräsentieren sie zwar angehaltene Bewegung und Zeit, doch verweisen sie nicht mehr auf Vergangenes und Reales außerhalb des Bildes, sie sind wie in einem gemalten Bild Teil der künstlerischen Imagination und verankern in ihrer bildnerischen Präsenz das wahrnehmende Subjekt im Jetzt der ästhetischen Erfahrung. Gleichzeitig macht ihre Pixel-Existenz die Flüchtigkeit und das Potential der Veränderung, der vielen anderen möglichen Bilder, bewußt. Man gerät ins Taumeln, in eine Spannung zwischen der Gegenwart der unmittelbaren Wahrnehmung und der "Zukunft" der imaginierten Vorstellungen, zwischen Anschauung und Reflexion, äußerem und inneren Auge, ein Hin- und Herpendeln, das die Grenzen verwischt.

Auch in den anderen Bildern von Jörg Sasse gibt es Motive, die den Betrachter zwischen Aktualität des einen gegenwärtigen Bildes und Virtualität vieler anderer Bilder in der Schwebe lassen. Um das Konturlose, Immaterielle digitaler Zeichen wissend, empfindet man die gesichtslosen Menschen, wie die Frau auf der Wiese oder den Knaben im rotweißkarierten Hemd, der sein Gesicht im Grün des Grases versteckt, als geisterhaft, als Erscheinung oder optische Täuschung, die, reibt man sich die Augen, klarer werden, sich auflösen oder ganz verschwinden könnte, die aber trotzt aller optischer und örtlicher Justierung bestehen bleibt. Und nicht umsonst gibt es in Sasses Bildern viele formale und motivische Elemente der Bewegung, die die Komposition zwar strukturieren und das Bild als Bild funktionieren lassen, aber gleichzeitig die potentielle Veränderung in sich tragen: Diagonale, Vertikale und Horizontale, das Vibrieren der Farben, Zug, Auto und Flugzeug. Selbst die "Titel" der Bilder, eine Zahlenkombination, zu der der Künstler als Ordnungsprinzip bei seiner Arbeit am Computer gekommen ist, drücken Festschreibung wie Veränderlichkeit, den Schwebezustand zwischen Aktuellem und Virtuellem aus.

Auch wenn es Sasse vor allem um bildnerische Qualitäten geht, so kommen er und der Betrachter nicht umhin, sich auf eine intermediale Auseinandersetzung einzulassen, denn jedes neue Medium stellt schon vorhandene auf den Prüfstand. Sasse hat den furor antitechnicus aus seinen Arbeiten vertrieben und führt vor, welche bildnerischen Freiheiten digitales Werkzeug freisetzen kann, wie es das Phantasiepotential beflügeln und dem Bild eine neue Magie einhauchen kann. Er läßt seine Pixelsprache einen Dialog mit Malerei und Fotografie führen, etwa mit Claude Monet und Walker Evans. Vertraute Sehgewohnheiten und Darstellungsweisen werden im zeitgenössischen Kleid des Schwebenden, Flüchtigen und Virtuellen bestätigt und in Frage gestellt. Sasses Bilder verraten die ambivalente Haltung des heutigen Künstlers: Sie verknüpfen den archaischen Wunsch, das Werk als Ausdruck individueller Einmaligkeit zu verstehen, mit dem Wissen um die unendlichen Variationsmöglichkeiten, die Flüchtigkeit und Vorläufigkeit computergenerierter Bilder, die künstlerische Einzigarigkeit schon längst hinfällig gemacht haben. "Verweile doch, du bist so schön", bittet Jörg Sasse ironisch-wehmütig seine Bilder - und, wider Erwarten, verweilen sie für einige wichtige Augen-Blicke.

Annemarie Hürlimann, 1997