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Im Unterschied zur Fotografie

Über Jörg Sasses Ausstellung im Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2007

Die Arbeiten, die von Jörg Sasse derzeit im museum kunst palast in Düsseldorf zu sehen sind, umfassen einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren. Es handelt sich um Bilder, die wie traditionelle Fotografien anmuten, bei denen aber tatsächlich vorgefundene Aufnahmen digital bearbeitet, verändert sind. Das Design der Dinge, die Architekturen, die darauf zu sehen sind, verlagern einen Teil der Arbeiten in die jüngste Vergangenheit und geben ihnen eine gewisse Patina, die Erinnerung und Vergegenwärtigung initiiert.
9057, 2003 (100 x 100 cm)
Und doch, Geschichte sei ereignisorientiert, und seine Bilder seien das genaue Gegenteil davon - der Hinweis von Jörg Sasse zielt auf die Methodik seiner Arbeiten und teilt mit, wie man sich ihnen nähern könnte, ja sollte. Und auch wenn sichtlich Düsseldorf durchgehender Gegenstand der Werkblicke mit "Skizzen" ist: Darum geht es gerade nicht. Beziehungsweise doch, wenn man das Wiedererkennen so versteht, Klischees und sentimentalen Reminiszenzen aufgesessen zu sein und daraus für sich größere Distanz gewinnt.

Die Bilder von Jörg Sasse schärfen für das aufmerksame Hinschauen. Sie befragen, was man sieht. Die Abweichungen von der Realität sind subtil, oft erst auf den zweiten Blick auszumachen und verhandeln dann ebenso Aspekte von Malerei, sie loten Farben aus und setzen Formen neu, schaffen Korrespondenzen. Sie legen Ausschnitte fest, sie verschleiern und fokussieren, erzeugen Atmosphäre oder nehmen diese aus den Darstellungen: dort wo man sie erwartet.
9137, 2004 (100 x 140 cm)
Jörg Sasse, der 1962 geboren wurde, in Düsseldorf bei Bernd Becher studiert hat, dort und in Berlin lebt und an der Universität Essen-Duisburg eine Professur inne hat, arbeitet mit Fotografie. Er bedient sich ihrer, indem er sich "kunstloses", überwiegend anonymes, seltener eigenes Fotomaterial vornimmt und in dieses in mehreren Durchgängen digital eingreift. Sasse geht mit seinem Fundus zunächst mehr instinktiv um, dabei klärt er für sich, was an der jeweiligen Vorlage interessant ist, was das Foto attraktiv und verfänglich macht - eine Romantik oder Exotik oder Vertrautheit - und entwickelt es als Bild für sich weiter und mitunter von der eigentlichen überlegung weg. Schließlich betont jedes abgeschlossene Bild andere Aspekte, unterscheidet sich schon durch das Format, abgezogen wie eine "klassische" Fotoarbeit als C-Print. Die Titel vermeiden jede zutragende Bedeutung: Sie bestehen aus einer vierstelligen, per Zufall ermittelten Zahlenkombination.

Die Einheit des Disparaten
Sasse hinterfragt die Wahrheit der Fotografie. Er entlarvt sie, indem er ihre konventionelle Rolle ad absurdum führt. Und er transportiert dieses Medium in das Heute, wo mit Leichtigkeit alles Gegebene zu verändern ist und wo in der Flut an Daten unterschiedliche, eigentlich disparate Informationen problemlos zu einer Einheit zusammenfinden. Alles Gesehene verhält sich als vorübergehender Zustand; in Sasses Bildern ist es der Vorstellung des Betrachters überlassen, der sich hier im Gegenüber gewahr wird. Mehr denn je ist fraglich, was Wirklichkeit ist. Das ist das eine. Das andere ist der Umgang mit den glatten, unbegreiflichen Oberflächen. Die Organisationen im Bild sind hintergründig, Geheimnisse geben sich zu erkennen, plötzlich klingen Geschichten an, und es bereitet einiges Vergnügen, diese Darstellungen buchstäblich zu lesen. 2697, 2005 (140 x 110 cm) Zeit und Raum ziehen sich in den Bildtafeln ganz zurück: Diese scheinen ortlos, kaum zu begreifen und vielleicht wie eingefroren.
Hingegen sind die "Skizzen" konkret. Sie bewahren ein größeres Quantum an Realität und lassen noch die praktische und motivische Banalität von Fotografien gelten. - Seit der Ausstellung im Musee de Grenoble 2004 spricht Sasse den von ihm so genannten "Skizzen" einen eigenen bildnerischen Wert zu: Dabei handelt es sich um die erste, bereits am Computer bearbeitete Auswahl an Fotomaterial, bevor sie einer weiteren Klärung unterzogen wird. Den Status vergleicht Sasse mit einem Skizzenbuch, das instinktiv Geeignetes unvoreingenommen notiert.
Im museum kunst palast sind die "Skizzen" in drei Blöcken zusammen gefasst, unter Passepartout und im kleinen Format gerahmt. Hingegen sind die Bildtafeln als einzelne ausgestellt, sie besitzen geradezu den Charakter altmeisterlicher Gemälde. Dies ist um so bemerkenswerter, als sie mit Klischees und Vorwissen agieren, tausendfach gesehene Sachverhalte aufgreifen und schliesslich doch einmalig sind. Gesehen hat man so etwas nie zuvor.

Thomas Hirsch, 2007