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Ganz Auge

Text im Leporello zur Ausstellung 'Jörg Sasse - Relationen' in der Kunsthalle Gießen

Ist, wer fotografiert, ein Fotograf? – Jörg Sasse: »Ich knipse viel«; und: »Ich bin kein Fotograf«.
»Ich knipse viel«: das beschreibt, einerseits, zweifellos einen Sachverhalt. Das ist aber, andererseits, natürlich, understatement. Denn zu seiner umfassenden visuellen Kompetenz ist Jörg Sasse, Meisterschüler von Bernd Becher, durch fotografieren gekommen. Doch zeigen schon seine ersten gültigen Arbeiten aus den frühen achtziger Jahren, wie sehr es ihm beim Fotografieren weniger um das Motiv ging als vielmehr um Formen und Farben, um Linien und Flächen, weniger um das wiedererkennende als um das (von Max Imdahl so genannte) ›sehende Sehen‹ – oder besser: um die Balance zwischen beidem und um das Spannungsfeld zwischen Abbild und Bild.

Mit dem Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie und mit der damit verbundenen Möglichkeit der Bearbeitung am Computer ist die Bedeutung des Fotografierens selbst immer weiter zurückgetreten hinter der Arbeit an fotografischen Bildern. Und so war es nur konsequent, dass diese nicht mehr seine eigenen zu sein brauchten. Sehr früh hat Jörg Sasse nämlich auch begonnen, nicht von ihm selbst fotografierte Bilder – auf Flohmärkten und bei Haushaltauflösungen erworbene Amateuraufnahmen – zu sammeln. Aus diesem zehntausende von Exemplaren umfassenden Fundus wählt Sasse die aus, an denen sein ebenso gezielt wie absichtslos prüfender Blick bei der schnellen Sichtung hängen bleibt, weil er an ihnen ein vorerst noch unbestimmtes Potential entdeckt. Diesem Potential spürt er dann, am Computer skizzierend, das Ausgangsmaterial »reinigend« und »entschlackend«, weiter nach. Aus dem umfangreichen Bestand an so entstandenen ›Skizzen‹ wählt er wenige – seit 1993 sind es rund 180 Stück – aus, um sie durch intensive weitere Bearbeitung in den Status gültiger ›Tableaus‹ zu überführen.

Mit der Präsentation eines ›Blocks‹ von 184 Bildern im Herbst 2004 im Museum von Grenoble hat Jörg Sasse schließlich damit begonnen, das bis dahin nur im Speicher seines Computers abgelegte Forschungsmaterial der ›Skizzen‹ auf einer neuen Ebene fruchtbar zu machen. Dafür hat er mit dem ersten, 2008 fertiggestellten ›Speicher‹ eine ebenso schlichte wie überzeugende Form gefunden.

Von einer Boden- und einer Deckenplatte gefasst, sind acht Säulen von je 64 in einer unsichtbaren Halterung schwebenden Aluminiumrahmen so zu einem Quader gefügt, dass Assoziationen zur kalten Ästhetik eines Großrechners ebenso möglich sind wie zur uralten Bauform des Getreidespeichers mit seinen vertikal übereinander angeordneten Schüttböden. Jede der in dieser minimalistischen Skulptur vorerst unsichtbar bleibenden 512 ›Skizzen‹ – beruhend auf eigenen und fremden Aufnahmen von den 1950er Jahren bis 2008 – hat Jörg Sasse zum einen mehreren von insgesamt 56 ›Kategorien‹ zugeordnet und zum andern auf ihr formal-ästhetisches Zusammenstimmen hin bewertet. Rund 200.000 dieser ›Relationen‹ sind in einem Buch zusammengefasst. Sowohl über dieses Buch als auch über die Kategorienkarten und die auf den Rückseiten der Rahmen aufgelisteten stimmigsten Relationen ist dem Besucher die Möglichkeit gegeben, die im ›Speicher‹ enthaltenen ›Skizzen‹ in immer neuen – und nur mit äußerster Unwahrscheinlichkeit sich je wiederholenden – Reihen von sechs oder neun Bildern zu hängen. Durch diese Aktivierung wird der ›Speicher‹ zu einer Schule des Sehens.

Jörg Sasse fotografiert, aber Jörg Sasse ist kein Fotograf. Er ist ein Arbeiter am Bild. Und er ist ›ganz Auge‹. Wir aber können von ihm lernen, was sich ihm – und was sich unter seiner Anleitung auch uns – im Sehen zeigt.

Marcel Baumgartner, 2015