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Scheitern.

Text im Buch zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen, erschienen im Verlag Schirmer/Mosel

Zwei Regeln bekam ich neben einigen technischen Hinweisen zur Bedienung einer Sofortbild-Kamera mit auf den Weg zur Erstellung meines ersten Fotos:

1) Steht im Innenraum kein gutes Licht zur Verfügung, fotografiere draußen.
2) Für draußen gilt: um Gegenstände gut erkennbar aufzunehmen, eignet sich ein bedeckter Himmel hervorragend, denn gleichmäßig wird das Licht alle sichtbaren Seiten des Gegenstandes erhellen.

Verbunden mit dem festen Vorsatz, die Entfernung zwischen Objektiv und Objekt möglichst präzise einzustellen, ist der Novize schon annähernd ausgelastet: hinzu kommt das Fehlen jeglicher Erfahrung, was zusätzlich eine gewisse Aufgeregtheit erzeugt. Gilt es doch in solcher Situation, die Lücke zwischen der Vorstellung des Ergebnisses und dem tatsächlichen Resultat der Bemühungen so eng wie möglich zu halten.

Der Beurteilung des Lichts im Innenraum folgte die Entscheidung, das Objekt der Aufmerksamkeit bei Tageslicht zu fotografieren. Dem Haus am nächsten gelegen war die Terrasse, deren Boden erst kurz zuvor mit sehr modernen Waschbetonplatten erneuert worden war. Warum ich mich entschied, das Spielzeugauto in der Diagonale zu fotografieren, ist mir nicht mehr bekannt. In guter Erinnerung habe ich jedoch das erste Problem: Um das Objekt formatfüllend abzulichten, hätte es einer Entfernungseinstellung bedurft, die nicht einstellbar war. Die Aufregung und Neugierde auf das Ergebnis erlaubten allerdings nicht, nach anderen Objekten Ausschau zu halten. Der erste Kompromiß wurde akzeptiert: bei der kürzest möglichen Entfernungseinstellung sollte die Aufnahme gemacht werden. Ich erinnere, dass zur genauen Einstellung ein Maßband herangezogen wurde, um die ungefähre Position der Kamera besser bestimmen zu können. Hilfsmittel wie etwa ein Stativ standen nicht zu Verfügung. Das zu fotografierende Objekt wurde unbedacht in der Mitte des Suchers platziert, die Luft angehalten, um dann den langen Auslöser aus Plastik weit durchzudrücken. - Atmen. - Die Aufnahme war im Kasten. Die Polaroid mußte an einer extra stabilen Kunststoff-Schlaufe nach unten hängend gehalten werden, um das latente Bild gleichmäßig aus dem Filmpack in der Kamera herauszuziehen. Nun galt es, der damit auf das Bild losgelassenen Chemie ihre Zeit zu geben. Im Verhältnis zu seiner bisherigen Lebenszeit ist eine Minute für ein Kind ein durchaus bemerkenswerter Zeitabschnitt. Endlich das belichtete Bild vom Polaroid-Träger ablösen. Dies ging mit einer starken Geruchsentwicklung einher, die nur durch die zusätzliche Anwendung des mitgelieferten Fixierstiftes übertroffen wurde. Bei sorgfältigem Vorgehen bescherte der Einsatz dieses rosafarbenen Stiftes eine passable Hochglanz-Oberfläche auf dem Schwarzweiß-Foto. Doch bei aller Freude über die technische Fähigkeit, selbst ein Foto gemacht zu haben, blieb das Ergebnis enttäuschend. Abgesehen von der erwartet kleinen Darstellung des Objekts war etwas gänzlich unerwartetes passiert. Das so sehr geschätzte Spielzeugauto hatte auf dem zweidimensionalen Foto - trotz der zentralen Position - seine ganze Präsenz verloren. Die als neutraler Hintergrund gedachte Struktur des Waschbetons erwies sich als wichtiger denn das Gemeinte. Im Sinne der Erwartung war das Foto gescheitert, was mich als Kind trotz der Freude über den technischen Erfolg unzufrieden sein ließ. Ein zweiter Versuch mit dem selben Motiv änderte daran nichts. Die Dimension des Scheiterns und damit ihr Potential blieb mir zu jener Zeit verborgen.

Jenseits von Technik und Konzept verbirgt sich das Staunen im Visuellen.
Selbst bei Abwesenheit des gedachten Bildes und dem Verfehlen des 'Gemeinten' ist das Visuelle vorhanden. Es zu sehen, ist der Anfang des unendlichen Potentials von Bildern.

Jörg Sasse, 2001