[ Startseite ]
[ Texte ]

(un-) sichtbar

Anmerkung zu Architektur und Fotografie

Ein Foto besteht überwiegend aus Papier oder Kunststoff. Wegen seiner geringen Tiefe läßt sich behaupten, daß es zweidimensional ist. Der Geruch eines Fotos ist gering, das Format zumeist rechteckig. Auf der belichteten Seite des Fotos findet sich, mehr oder minder unscharf, ein zweidimensionales Abbild. Dieses Abbild wird durch zwei Projektionen erzeugt: zunächst die Projektion eines Motivs auf das Negativ, dann die Projektion des Negativs auf das Fotopapier. Das entstandene Abbild des Motivs könnte als gelungen bezeichnet werden, wenn das Motiv auf dem Foto wiederzuerkennen ist. Das Wiedererkennen erfordert von der betrachtenden Person mehr oder weniger großes Wissen um das Motiv. Je mehr über das Motiv gewußt wird, desto einfacher fällt es, vom Abbild auf das Motiv zu schließen.
Durch das Umgehen eines Hauses wird sich eine Vorstellung des Hauses im Hirn vervollständigen. Das Einzelne wird durch die Erinnerung, es gesehen zu haben, zu einem Ganzen zusammengefügt, obgleich es keinen Beweis für dessen visuelle Existenz gibt.
Ein Foto gestattet nur eine Sicht auf ein Haus. Das Verändern der Position des Beschauenden zum Foto wird nichts über das Unsichtbare preisgeben. Je weniger über ein Motiv gewußt wird, desto mehr wird die betrachtende Person auf ihr Wissen und ihre Seherfahrung angewiesen sein. Das Foto ist Projektionsfläche der es betrachtenden Person.
Um Architektur zu erfassen, bedarf es der Bewegung. Architektur kann von Innen und Außen gesehen werden. Eine wichtige Rolle spielen das Umfeld und der Weg, der zum augenblicklichen Blickpunkt führt. Ein Foto kann dies nicht abbilden. Im Foto erstarrt die Bewegung, der Raum wird zweidimensional. Direkte Erfahrungen vom Umfeld des Motivs sind nicht vorhanden.
Das Foto ist autonom, und in seiner Autonomie hat es jenseits des Motivs sein eigenes Umfeld, seinen eigenen Weg, der dem Beschauen vorausging.
Das Unsichtbare ist fester Bestandteil von Architektur. Ein Foto als solches zeigt alles. Erst in der Betrachtung wird das 'Unsichtbare' hinzugefügt; die Projektionsfläche ist groß und die scheinbare Nähe zur 'Wirklichkeit' des Motivs verlockend. Schnell verschwindet dabei das Foto selbst und die Falle des vermeintlichen Wissens schnappt zu.

Jörg Sasse, 1996